Auf der Suche nach sexueller Identität

By mediadefaultswap

In den vergangenen Tagen berichteten zahlreiche Boulevardmagazine sowie Spiegel TV über die sexuelle Verwahrlosung von Jugendlichen. Anlass ist das Buch „Deutschlands sexuelle Tragödie“ von Arche Gründer Bernd Siggelkow und Journalist Wolfgang Büscher.
In einem 45-minütigen Beitrag von Spiegel TV (VOX) werden männliche Jugendliche aus Berlin Hellersdorf zu ihren sexuellen Aktivitäten befragt, während weibliche Jugendliche als werdende oder seiende Mütter präsentiert werden. Grundtenor in dem Beitrag ist die These des Buches, das in großstädtischen Problemvierteln Sexualität zu einem Leistungssport verkommt, der nichts aber auch gar nichts mit Liebe und Nähe zu tun hat. Schon mit 11-12 Jahren beginne das sexuelle Leben, mit stetig wechselnden Partner/innen. Besonders unter Alkohol- und Drogeneinfluss kommt es zum Beischlaf, incl. Filmriss am nächsten Tag. Ebenso sind Verhütung und der Schutz vor Geschlechtskrankheiten kein Thema. Als Gründe für diese Entwicklung nennen die Buchautoren den Werteverlust in den Familien und den wachsenden Konsum von Hardcore-Pornos aus dem Internet.

Wenn ein solches Thema die mediale Runde macht, lohnt sich ein Blick auf verschiedene Diskurse, die damit einhergehen können. So fand ich besonders interessant, dass im Kontext dieser sexuellen Verwahrlosung immer wieder Hardcore-Pornos als ursächlich angesehen werden. Richtig ist sicher, dass der Konsum enorm gestiegen ist, insbesondere auch bei Jugendlichen. Doch ein Blick allein auf aktuelle Musikvideos verrät noch etwas anderes. Allein die Viva Top 100 sind ein Sammelsurium von so genannten sexy-Videos. Ob Sarah Connors Schwester Lulu, Lady Gaga oder Kate Perry, alle werden getreu dem Motto – Sex verkauft sich besonders gut – inszeniert. Natürlich könnte ich nun mit Verwunderung, über die anhaltende Objektivierung der Frau philosophieren, wie es selbst der wunderbare Paulie bei den Sopranos tat. Ebenso könnte ich die dahinter liegende Doppelmoral anprangern. Doch mich interessiert etwas anderes. Das was die britische Cultural Studies Theoretikerin Angela McRobbie in ihrem Vortrag „Four Technologies of young womenhood“ von 2006 als „a new sexual contract“ bezeichnete. In einfachen Worten ausgedrückt: beschreibt sie neoliberale Tendenzen in unseren westlich-geprägten Konsum-Gesellschaften, die massive Einflüsse auf den Geschlechtervertrag haben. Anhand von populär-kulturellen Texten, wie Magazinen und TV-Sendungen sowie durch Befragungen von jungen Frauen hinsichtlich ihrer Rezeption, kann sie vier Identitätsherausbildungen bei ihnen ausmachen: postfeminist masquerade, phallic girl, global girl und working girl (60 Prozent der jungen Frauen in Großbritannien). Nehmen wir als Beispiel das „Phallic Girl“. Es integriert in seine Lebenswelt maskuline Verhaltensweisen wie: „heavy drinking, swearing, smoking, getting into fights, having casual sex, getting arrested by the police, consumption of pornography, enjoyment of lap, dancing clubs and so on”, ohne diese jedoch zu hinterfragen. So destabilisiert sie zwar den bisher vorherrschenden Geschlechtervertrag und zwingt sich und andere zu neuen Handlungsweisen, kann jedoch aus der ihr zugeschriebenen Differenz nicht ausbrechen. Stattdessen verharrt sie in einer beispiellosen Festigung im vorherrschenden Diskurs, bei sich gleichzeitig ändernden Außenbedingungen, mit verherrenden Folgen für die Individuen. Beispiel: wenn ein Beischlaf sich im volltrunkenen oder vollgedröhnten Zustand vollzieht, bleibt die Frage offen, wie groß war der Akt der Freiwilligkeit? So kommt es zu massiven Verschiebungen innerhalb unseres moralischen Wertkanons. Und so ist auch die Aufregung, um jene sexuelle Tragödie in Berlin Hellersdorf zu bewerten. Während sich jedoch McRobbie mit den veränderten gesamtgesellschaftlichen Bedingungen beschäftigt, reduziert sich der Blickwinkel in Deutschland auf einen Werteverlust innerhalb von Familien.
Der Blick auf Berlin Hellersdorf und seine sexuell enthemmte Jugend verschleiert auf eine interessante Art und Weise die Veränderungen der sexuellen Identitätsbildung in allen gesellschaftlichen Milieus. Auch wenn das Anliegen der Autoren ein Gutes sein mag, die Missstände von der (früh)kindlichen bis in die jugendliche Entwicklung aufzuzeigen, werden trotzdem zentrale Fragen von Sexualität, Gewalt, Konsum und Identitätsbildung ausgespart und auf eine sozial ausstehende Gruppe reduziert.

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